Über das spirituelle Ertragen des
Leids als Antwort auf die Aporien rationalistischer Theodizeerklärungen
Zusammenfassung einer Diplomarbeit im
Fach Dogmatik von Thomas
Hammel
Wenn sich heute viele Menschen von dem Glauben
an den dreieinen Gott abwenden, führen sie nicht selten als
Motiv für ihre Abkehr an, daß die Erfahrung des Leidens
nicht mit dem vereinbar sei, was der Glaube über den allmächtigen
und allgütigen Gott behauptet. In einem bekannten Diktum
Georg Büchners wird die aus der Erfahrung des Leids gewonnene
Kritik am Gottesglauben auf den Punkt gebracht: "Warum leide
ich? Das ist der Fels des Atheismus. Das leiseste Zucken des Schmerzens,
und rege es sich nur in einem Atom, macht einen Riß in der
Schöpfung von oben bis unten." Das Malum erweist sich
also als ein allgegenwärtiges Phänomen, das den Menschen
so unbedingt angeht, daß auch der Glaube selbst angefragt
ist. Daher erschien es mir sinnvoll, im Rahmen meiner Diplomarbeit
der Frage nachzugehen, wie denn das Verhältnis von Gott und
Leid des näheren zu denken ist.
Dabei zeigte sich zunächst, daß sich die Entwürfe
früherer Epochen wesentlich von neuzeitlichen Theodizeeansätzen
unterscheiden. So versuchte etwa Platon die Frage nach dem Woher
und dem Warum des Übels zu lösen, indem er dem Übel
in der prinzipiell positiven Weltordnung keine ontologische Eigenständigkeit
zusprach, sondern das Übel vielmehr als eine defizitäre
Erscheinung des Seins bzw. als ein Mangel an dem positiv bestimmten
Sein definierte. Neben dieser ontologischen Veruneigentlichung
des Malum finden sich in der Antike noch zahlreiche weitere Modelle,
die das Übel erklärbar machen wollen: Der abendländische
Kirchenlehrer Augustinus versucht das Leid in die moralische Verantwortung
des Einzelnen zu verlegen. Der freie Wille, welcher den wirklichen
Ort der Sünde darstellt, befindet sich ständig in einem
verderbten Zustand, da gemäß des von Augustinus bemühten
Erbsündenaxioms der Mensch durch Adams Ursünde wesenhaft
korrumpiert ist. Die leibbedingte Vergänglichkeit bzw. der
Tod sind Folge dieses prähistorisch bedingten Schuldner-Daseins.
Aus diesem Kontext heraus deutet Augustinus das Übel als
Strafe für erbsündige und für daraus resultierende
eigenmächtige Schuld. Ohne jetzt noch auf weitere vorneuzeitliche
Leiderklärungsmodelle eingehen zu können, darf doch
festgehalten werden, daß man sich seit je her mit dem Leid
beschäftigte, aber dieses metaphysische Fragen beanspruchte
nicht, von der Existenz des Leidens auf die Nichtexistenz Gottes
zu schließen - das Denken bewegte sich in einer festgefügten
Kosmos- bzw. Schöpfungsordnung, in der das Malum die (quasi-)religiösen
Fundamente nicht erschütterte.
Dies sollte sich jedoch unter den geistesgeschichtlichen Voraussetzungen
der Neuzeit ändern! Von dem Rationalitätspostulat der
Aufklärung ausgehend, erscheint "Gott" als ein
Wesen, das den Regeln der Vernunft unterworfen ist. Die Ratio
als die universell bestimmende Instanz versucht hier festzulegen,
was Gott ist und welchen Denkmustern er zu folgen hat. Spricht
der christliche Glaube beispielsweise vom "gütigen Vatergott",
dann steht dieser Begriff für ein Bild, das von sich weiß,
daß es nur ein Bild ist, mit dem der jenseits allen Begreifens
existierende Gott in seiner Barmherzigkeit ausgesagt werden soll.
Spricht hingegen die Aufklärung von Gott, so meint sie, Gott
genau bestimmen zu können, ohne sich des oft metaphorischen
Charakters der Gottesrede bewußt zu sein: Schließlich
unterliegt auch Gott den rationalen Gesetzen, und sein Tun muß
vor diesen rationalen Gesetzen verantwortbar sein. Diese neuzeitliche
Perspektive bedingt, daß die Frage nach dem Leiden nun zu
einem Tribunal vor dem Forum der Vernunft entartet, vor dem sich
Gott zu rechtfertigen hat - es gibt Leiden auf dieser Welt und
es muß begründet werden, weshalb der intellegibel gedachte
Schöpfergott die erfahrbare Welt so geschaffen hat, daß
sie mit den rationalen Erwartungen der Menschen kollidiert. Gottfried
Wilhelm Leibniz (1646-1716) geht in seinem Werk "Essais de
Theodicee" von dieser Problemkonstellation aus und versucht
unter Einbehaltung des Vernunftanspruchs, Gottes leidvolle Schöpfung
zu erklären. Die Schöpfung, so seine Argumentation,
kann gar nicht vollkommen und leidfrei sein, da nur der Schöpfer
selbst vollkommen ist, alles andere muß notwendigerweise
unvollkommmen sein. Gott, der nach logisch-rationalen Handlungsvorgaben
Schaffende, hat allerdings aus der schier endlosen Fülle
von theoretisch möglichen Welten die beste Welt erkannt und
in seiner Güte eben diese beste aller möglichen Welten
realiter geschaffen. Die Übel haben so für Leibniz keine
grundlegende Bedeutung, da in unserer bestmöglichen Welt
"in allem das Gute das Übel übersteigt" (Theod.
§259) und "das Leben für gewöhnlich ganz leidlich
zu sein pflegt" (Theod. §260).
Bei genauerer Betrachtung enden das vorgetragene und alle anderen
rationalistischen Theodizeeapologien jedoch in einer Aporie, insofern
sie entweder das Leiden durch kompensatorisches Depotenzieren
zu relativieren versuchen (z.B. "Bona überwiegen Mala")
oder Gott einfach die Allmacht absprechen, der Schöpfung
das Leid zu nehmen, was freilich mit dem allmächtigen Gott
der Offenbarung nicht vereinbar ist. Entscheidend kommt hinzu,
daß die aufklärerischen Theodizeeüberlegungen
letztlich aus einem rein akademischen Interesse heraus stattfinden,
während das Leiden jedoch kein primär intellektuelles,
sondern eine lebenspraktische Herausforderung darstellt: Die angebrachte
Reaktion auf "Widerfahrnisse des Leidens in seinen privaten
und gesellschaftlich-politischen Dimensionen ist nicht Philosophieren,
sondern in der Regel Schweigen, Klagen, Helfen, Mitleiden."
Es ergibt sich folglich die Notwendigkeit, sich von der rationalistischen
Herangehensweise zu lösen, um den Blick auf eine spirituell-religiöse
Dimension zu richten, die das Leid nicht erklären,, sondern
zu ertragen helfen will.
Ein fruchtbarer Ansatz dazu kann in einer christologisch konnotierten
Theodizee gesehen werden, wie sie z.B. von K.H. Menke unter Einbeziehung
des Stellvertretungsbegriffs vorgestellt wird. Der ursprüngliche,
von theologischen Vorgaben ausgehende Inhalt von Stellvertretung
besagt, daß Stellvertretung ein Sein-für-die-Anderen
meint. Wenn wir nun von Jesus Christus sagen, daß er stellvertretend
für die Vielen da ist, und vor dem Vater für sie eintritt,
so bedeutet dies, daß das stellvertretene Subjekt innerlich
geöffnet wird, um aus seiner egomanen Einengung herausgeholt
zu werden. Indem sich der Mensch öffnet für Gott und
die Menschen, eröffnet sich ihm die Erfahrung einer unbedingten
Zukunft, wie sie durch die Existenz Christi vermittelt ist. Jesu
Existenz, in der Gott selbst für die Anderen da ist und für
diese wirkt, erscheint als die prototypische Stellvertretung in
dem hier gebrauchten Sinne. Wenn Christus auch noch am Kreuz an
Gott festhielt und Gott als unzerstörbares Leben erfuhr,
so vollendet sich hier seine Stellvertretung, d.h. sein Dasein-für-Andere,
insofern "ein zu Tode gemarterter Unschuldiger im Leiden
und Sterben befähigt wurde, das Nicht-Sein-Sollende, das
Böse und seine Folgen, durch das Hineinlassen Gottes in die
Nacht äußerster Sinnferne zu ,unterfassen', zu ,verwandeln',
zu ,besiegen' ". Davon ausgehend vermag der christlich Leidende
zwar das Warum des Leidens nicht rational zu erklären; aber
wenn Jesu Sterben ein Hereinlassen des Vaters in die Dunkelheit
des Kreuzes war, wodurch selbst noch die Sinnlosigkeit des Kreuzes
von der Hoffnung auf Zukunft unterfaßt wurde, so heißt
dies, daß jeder, der diesen Christus selbst wiederum in
das eigene Leiden hereinläßt, sein Leid auf Zukunft
hin überwinden kann.
Die dargelegte Vermittlung einer spirituell gedachten Antwort
auf das Theodizeeproblem ist sicherlich keine solche, die den
Ansprüchen einer rationalistischen Theodizee genügte,
wie wir sie in der Aufklärung kennenlernten. Aber in Anbetracht
der weniger akademischen als vielmehr existentiellen Dimension
des Malum erscheint eine solche Haltung gegenüber dem Leid
und dem Leidenden eher angebracht zu sein als etwaige, zwangsläufig
aporetische Theodizeeversuche einer rationalistischen, nach allein
logischer Lösbarkeit fragenden philosophischen Theodizee.