Arnold Stadler

 Der höchste deutsche Literaturpreis, der Georg-Büchner-Preis, wurde im Jahr 1999 an den Schriftsteller Arnold Stadler, der im Herzoglichen Georgianum in München Theologie studierte, verliehen. Er stammt aus dem schwäbischen Meßkirch. Nähere Informationen zu seiner Personen finden Sie im KLG (KLG-Online)

Stadler ist nicht nur mit einigen Romanen bekannt geworden, ganz neu liegt jetzt von ihm eine Psalmenübertragung unter dem Titel "Die Menschen lügen. Alle." vor. Bei diesem Buch handelt es sich nicht um eine Übersetzung, darauf legt Stadler großen Wert. Eine Übersetzung versucht wortgetreu einen Text von einer Sprache in die andere zu transportieren. Das ist an sich nichts Besonderes, aber es gibt Literaturgattungen - beispielsweise Gedichte - , bei denen eine Übersetzung an ihre Grenzen stößt. Die Psalmen sind eine Lyriksammlung aus der Zeit der kleinasiatischen Hochkulturen. Um solche Texte adäquat in eine andere Sprache zu bringen, reicht es nicht nur etwas von den Sprachen und der Zeit, aus der die Texte stammen, zu verstehen. Gedichte arbeiten immer mit ästhetischen Gesetzen, mit Metrum, Reim, Strophenformen, Alliterationen, Dissonanzen, Sprachbildern, Wortschöpfungen und und und. Wenn Gedichte wie in diesem Fall die Psalmen nur "übersetzt" werden, zerreißt man die Einheit von ästhetischer Form und Inhalt.

Aus diesem Grund spricht Stadler von Übertragung. Er gibt nicht nur sklavisch den Inhalt wieder, sondern er erlaubt sich Freiheiten, um den Kunstcharakter, die ästhetische Qualität der Gedichte für den heutigen Leser zu erschließen. Stadler hat etwa ein Drittel der Psalmen in seinem Buch übertragen.

Das Buch war für mich, der ich mit den biblischen Texten aufgewachsen bin, eine faszinierende Lektüre, weil die altbekannten Texte auf einmal neu und fremd klangen. Das hat zur Folge, daß man neu über die Gedichte nachdenkt. Sehr schön ist auch die graphische Gestaltung des Buches. Die Psalmen werden nicht wie in vielen Bibeln typographisch zusammengequetscht, so daß man nicht mehr erkennen kann, daß es sich um Gedichte handelt. Frei von Verszählung und jeder anderen optischen Ablenkung hat jedes Gedicht, jeder Psalm Raum auf der Buchseite. Insgesamt ist Stadlers Psalmenübertragung sehr zu empfehlen. Um einen Eindruck zu vermitteln, folgt hier noch Stadlers Version von Psalm 1.

 

Psalm 1

Wunderbar der Mann,
der nicht aufs Volk hört,
den Leuten nicht nach dem Maul redet
und am Stammtisch bei denen herumsitzt,
die immer alles besser wissen.
Das ist ein Mann, der nichts als Freude hat
am Herrn, der ihm den Weg weist,
Tag und Nacht.

Er wird ein Baum sein,
direkt am Wasser.
Er wird zur rechten Zeit seine Früchte tragen.
Seine Blätter werden nicht welken.
Wo er steht, steht´s gut um ihn.

Dagegen die Vergeblichen:
Sie sind nichts als Spreu,
vom Wind verweht.