Streit um die Wahrheit.
Irenäus von Lyons theologische Auseinandersetzung mit der Gnosis des zweiten Jahrhunderts
Zusammenfassung einer Lizentiatsarbeit im Fach Dogmatik von Vladimir Viitovitch

Die Auseinandersetzung des Frühchristentums mit der Gnosis erreichte im zweiten Jahrhundert, zu Lebzeiten des Lyoner Bischofs Irenäus, ihren Höhepunkt. Diese ursprünglich nicht-christliche, aber doch religiöse Bewegung, breitete sich zeitgleich mit dem Christentum im gesamten Mittelmeerraum aus und kam ab dem 3. Jahrhundert bis nach Zentralasien (Manichäismus). Beim Ausdruck ihrer Ideen greift die Gnosis auf verschiedene religiöse, mystische und philosophische Ideen ihrer Umwelt zurück. Das Christentum blieb davon nicht verschont. Die Gnosis trat dem Christentum zunächst nicht unbedingt feindlich gegenüber, sondern wollte dieses mit den bereits vorhandenen religiösen Spekulationen verschmelzen und auf diese Weise ein allgemeingültiges Religionssystem bilden.
Das Hauptproblem im Verhältnis beider Religionen zueinander ist damit bereits angedeutet: Die Gnosis hat sich selbst als rechte Auslegung des Christentums verstanden. Diese Herausforderung nahm Irenäus an und trat als Christ einer christlich getarnten, aber im Grunde völlig unchristlichen Heilslehre, entgegen.

Für die Widerlegung seiner Gegner wollte sich Irenäus zunächst ein klares und umfassendes Bild von ihrer Lehre und von ihrem Anliegen verschaffen. Vor allem in seinen fünf Büchern „Gegen die Häresien" will der Kirchenvater die gnostischen Anschauungen genau studieren und widerlegen. Unter den wichtigsten Gegnern des Bischofs sind vor allem das valentinianische System der Gnosis und die Schule Marcions zu verstehen.

Diesem von Irenäus vorgenommenen Schritt wollte ich im ersten Teil meiner Untersuchung folgen. Es handelt sich dabei um die Darstellung des Phänomens der Gnosis,um die geschichtliche Entwicklung dieser Religionslehre und um die Grundaussagen ihrer wichtigsten Vertreter. Hier soll auch Irenäus, in dem wir einen der wichtigsten Informanten über die christliche Gnosis haben, zu Wort kommen („Adversus haereses"). Die genannten Themen sollen uns anhand der drei großen Themenkomplexe - Kosmologie, Soteriologie und Gotteslehre - das Bild der Gnosis im zweiten Jahrhundert vergegenwärtigen. Zugleich wird deutlich, dass die christliche Gnosis dem originären Inhalt der christlichen Botschaft auf unzulässige Weise interpretiert und ihn damit verfehlt. Es stellt sich heraus, dass der Gnosis ein dualistisches Weltbild zugrunde liegt. Ihre Gotteslehre ist bestimmt durch die Vorstellung vom „unbekannten Gott", der jenseits des Sichtbaren und des den Menschen zur Verfügung Stehenden residiert. Die Weltschöpfung, die von der Gnosis auf mystische Weise vorgetragen wird, sucht nach einer Erklärung für den gegenwärtigen gottfernen Zustand der Menschen. Der göttlichen Sphäre, dem eigentlichen Reich des Lichtes wird die Sphäre der Materie oder der Finsternis als Gegenpol präexistent entgegengesetzt („metaphysischer Dualismus"). In einem anderen Fall wird das Böse als eine „Devotion des Göttlichen" (nach H.-J. Klauck) verstanden. Soweit zeigt sich, dass der Dualismus der göttlichen Systeme primär in der Unterscheidung von Gott und Schöpfer (Gott und Welt) zu beobachten ist.

Anhand vieler Mythen wird das Schicksal des Menschen in seiner zwiespältigen Natur in der Gnosis bildhaft dargestellt. Der erste irdische Mensch gilt in der Gnosis als Prototyp des Menschen überhaupt und in seinem Schicksal spiegelt sich die Geschichte der folgenden Menschheit wider. Daraus resultiert die unbedingte Teilung des Menschen (Dreiteilung bei den Valentinianern), wie sich in der Soteriologie zeigt.

Die Gnosis ist eine Erlösungsreligion. Eine entscheidende Rolle auf dem Weg zur Erlösung des Menschen wird in dieser Konzeption der Erkenntnis zugemessen. Hierbei hat der einzelne Erkenntnisakt eines Menschen eine universale Bedeutung. Die christliche Gnosis überträgt die Erlöserrolle auf Jesus Christus mit dem Ergebnis, dass in dem mythologischen Apparat der Gnosis der christliche Erlöser „mythologisiert" und in verschiedenen Menschheiten (zwei bis drei bei den Valentinianern) gespalten wird. Die gnostische Spaltung des Erlösers findet somit in der doketischen Christologie („Scheinleibvorstellung") ihren Niederschlag.

Solche Vorstellungen der zeitgenössischen Gnosis bilden für Irenäus den Ausgangspunkt seiner Widerlegung. Als Bischof stellt er sein seelsorgerisches Interesse in den Vordergrund. Neben dem Christentum bot auch die Gnosis den Menschen das Heil an. Beide markieren aber verschiedene Wege und meinen nicht dasselbe Heil. Der von Irenäus dargelegte Weg des Christentums in Abgrenzung zu den gnostischen Auffassungen ist das Thema des zweiten Abschnittes. Hier werden sein Werk und seine Theologie dargestellt.
In den fünf Büchern „Adversus haereses" bemüht sich Irenäus vor allem um die Darstellung und Widerlegung verschiedener gnostischer Systeme. Trotz seiner polemischen Absichten in den ersten beiden Büchern beginnt er mit dem Dritten Buch einen neuen Abschnitt, den wir als ein positives, dogmatisches Werk bezeichnen können. Als Argumentation werden hier von Irenäus die kirchliche Überlieferung und die Heilige Schrift verwendet. Das apologetische Hauptthema des Irenäus lautet: Der eine Gott und Vater des einen Erlösers Jesus Christus. Sein dogmatischer Schwerpunkt ist: die an der Menschheit geschehene Oikonomia Gottes.

Im weiteren Verlauf der Untersuchung werden die Voraussetzungen und Perspektiven der in „Adversus haereses" entwickelten Theologie des Irenäus aufgezeigt. Dabei bilden folgende Grundaussagen des Irenäus den Ausgangspunkt jeglicher Widerlegung der gnostischen Spekulation: Die Überzeugung von der Einheit des Weltschöpfers mit dem höchsten Gott. Hinzu kommt die Überzeugung des Kirchenvaters, dass das Christentum eine reale Erlösung ist, und dass diese Erlösung nur durch die Erscheinung Christi zustande gekommen ist. Diese beide Grundüberzeugungen bilden die Basis der irenäischen Theologie. In seinen theologischen Denken geht Irenäus von der Grundlage des Glaubens der Kirche aus. Dieser Glaube, den die Kirche von den Aposteln empfangen hat, ist für ihn in der Form des Raumes der Wahrheit vor gegeben und wird von der Kirche sorgfältig aufbewahrt und verkündet. So ist das apostolische Kerygma und die Überlieferung der Kirche nicht getrennt voneinander zu denken.

Nachdem wir die wichtigsten Ausgangspunkte der irenäischen Theologie festgestellt haben, widmen wir uns im folgenden Teil der Untersuchung der wichtigsten Themen dieser Theologie: Die Offenbarung von Vater, Sohn und Geist; die Oikonomia Theou an und für die Menschen; die Erlösung durch Jesus Christus als Wiederherstellung der Schöpfung und Zusammenfassung des Schöpfungswerkes; Pneumatologie und Ekklesiologie.

Mit der Frage nach der Beurteilung und Einordnung der irenäischen Theologie wird die Arbeit abgeschlossen. Gleichzeitig wird deutlich, warum nach der Überzeugung von Adolf Harnack erst seit Irenäus „die Offenbarung Geschichte geworden war, Heilsgeschichte, und die Dogmatik in gewisser Weise eine Art der Geschichtsbetrachtung, die Erkenntnis der geschichtlichen zu einem bestimmten Ziele führenden Heilswege Gottes."